Über 100 Jahre sind vergangen, seit Sir Arthur Evans seine Ausgrabungen am Kephalas-Hügel bei Knossos begann. Ungefähr zur gleichen Zeit begannen auch Ausgrabungen in Phaistos durch Professor Federico Halbherr und seinem Team. Weitere große Ausgrabungen wie in Malia und Zakros kamen hinzu. Im Ergebnis dieser und vieler anderer, kleinerer Ausgrabungen zu minoischen Siedlungen wurden eine Unzahl von Artefakten zutage gefördert. Auch wenn schriftliche Darstellungen und Zeugnisse zum Leben der Minoer bis heute praktisch nicht vorliegen, lassen sich doch aus der minoischen Bilderwelt, aus Goldschmiedewerken und Darstellungen auf Keramiken sowie aus Werken der Steinkunst Rückschlüsse auf das Leben der Minoer ziehen. Diese Artefakte geben uns Hinweise auf Sitten und Gebräuche bei bestimmten gesellschaftlichen Zusammenkünften sowie bei sportlichen Wettkämpfen und religiösen Kulten, wie z.B. den legendären Stiersprung. Und nicht zuletzt sind sie ein hilfreicher Ansatz, um die These vom Minoischen Frieden, von der Pax Minoica, besser einordnen zu können.

Sportliche Wettkämpfe im Leben der Minoer

Fast 2.000 Jahre vor den antiken olympischen Wettkämpfen im Hain von Olympia auf dem Peloponnes maßen sich junge Frauen und Männer u.a. in Knossos in sportlichen Wettkämpfen. Die jungen Athleten erprobten ihre Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit in verschiedenen Disziplinen, wie z.B. Ringen, Boxen, Laufwettbewerben und turnerischen Übungen, Stier- sowie Eberjagden.

Fresko zu boxenden Jungen bei sportlichen Wettkämpfen – Fundort Akrotiri auf Santorini aus 1500 bis 1300 v.u.Z., ausgestellt im National Archäologischen Museum Athen – gemeinfrei (1)

Der Stiersprung

Eine sehr beliebte und besonders angesehene Disziplin war der Sprung über den Stier. Diese Übung erforderte von den Athleten ein Höchstmaß an Mut, Kraft und Gewandtheit. Hinsichtlich der möglichen Sprungtechniken werden verschiedene Theorien publiziert.

Die ursprünglich auch von Evans vertretene These geht davon aus, dass der Springer den herangaloppierenden Stier an den Hörnern packen musste. Infolge der dabei wirkenden dynamischen Kräfte (Zurückwerfen des Kopfes durch den Stier) machte der Springer einen Salto über den Stier. Demgegenüber besagt ein anderer vermuteter Ablauf, dass der Springer über die Hörner des anlaufenden Stieres sprang. Dabei stützte er sich mit den Händen auf den Schulterpartien des Stieres und landete nach einem Überschlag auf dem Boden.(2) Gleichwohl welche Sprungtechnik angewendet wurde, ist zu vermuten, dass es bei diesen Sprüngen nicht selten zu tödlichen Unfällen kam. In diesem Zusammenhang herrscht unter Forschern heute überwiegende Einigkeit, dass der Sprung über den Stier rituellen Charakter hatte und Teil religiöser Kulte war.

Nicht nur die Darstellungen auf den Fresken, sondern auch die auf Kreta gefundenen Tierknochen lassen den Schluss zu, dass bei diesen Wettkämpfen den Springern Auerochsen gegenüberstanden. Das bedeutet, es standen dem Springer Tiere mit einer Schulterhöhe von bis zu zwei Metern gegenüber. Dadurch werden die hohen sportlichen Leistungen der Teilnehmer noch unterstrichen. Die psychischen und physischen Herausforderungen, denen sich ein Springer angesichts eines solchen heranstürmenden Ungeheuers ausgesetzt sah, kann man heute nur erahnen. Es darf angenommen werden, dass diese Umstände auch zur Entwicklung des Mythos vom Minotaurus beitrugen.

Gesellschaftliche Bedeutung der Wettkämpfe und rituelle Handlungen

Der Sprung über den Stier ist Gegenstand vieler künstlerischer Darstellungen aus dem Leben der Minoer. Dazu gehören eine Vielzahl von Wandmalereien. Allein in Knossos wurden beispielsweise 20 Reliefs und neun Fresken gefunden, die den Sprung über den Stier oder den Stierfang darstellen.(2) Hierzu wurde auch in dem Beitrag König Minos in der griechischen Mythologie eingegangen. Aber auch Werke der Kleinkunst, wie etwa Darstellungen auf Goldringen, Siegeln und Kleinplastiken sind ein Spiegel für den Stellenwert sportlicher Übungen im Leben der Minoer. Ein Beispiel dafür ist eine Elfenbeinplastik, die im Archäologischen Museum in Heraklion ausgestellt ist. Sie zeigt einen Springer beim Sprung über einen Stier. Wegen der naturalistischen Wiedergabe der Bewegung des Springers gilt diese Plastik als eines der Meisterwerke der minoischen Kleinkunst. (3)

Kleinplastik aus Elfenbein mit der Darstellung eines Springers beim Stiersprung – Exponat im Archäologischen Museum Heraklion – Foto HUB

Bei den sportlichen Wettkämpfen in der minoischen Gesellschaft war insbesondere der Stiersprung nicht nur eine rituelle Handlung. Ebenso war er für die Teilnehmer mit dem Ringen um gesellschaftliche Anerkennung verbunden. Dadurch besaß ein erfolgreicher Sprung nach Panagiotopoulos „für die minoische Gesellschaft und deren Eliten eine überragende Bedeutung“. (4) Die jungen Springer wollten mit einem erfolgreichen Sprung ihre Kraft und Geschicklichkeit unter Beweis stellen und somit gesellschaftliche Anerkennung erringen. Dabei wurden sie von einer großen Anzahl von aufgeregten Zuschauern angefeuert und bei erfolgreicher Bewältigung gefeiert.

Von Knossos zum Hain von Olympia?

Der Wunsch nach sportlichem Kräftemessen, die Anteilnahme und die Begeisterung der Zuschauer für die Athleten lebten nach dem Untergang der minoischen Gesellschaft fort. Zum Beispiel beschreibt Homer in der Illias die Ausrichtung sportlicher Wettkämpfe im Rahmen eines Totenkultes. In der Szene zur Bestattung des Patroklos schildert er, wie dessen Freund Achilleus Wettkämpfe ausrichtet. Diese fanden im Wagenlenken, beim Ringen, Boxen, Laufen, Diskuswurf, Bogenschießen, Speerwerfen und anderen Übungen statt. Die Sieger erhielten dabei wertvolle Preise. Homer erzählt hierbei auch über die leidenschaftliche Begeisterung der Zuschauer und den Ehrgeiz der Wettkämpfer.

Dieser Geist der Wettkämpfe, die ihre Geburtsstunde im Reich der Minoer hatten, lassen sich bis zu den Olympischen Spielen des antiken Griechenlands nachverfolgen.

Die Religion der Minoer

Weibliche Naturgottheiten

Die heutigen Kenntnisse zur Religion im Leben der Minoer basieren fast ausschließlich auf archäologischen Funden. So beschreiben Wandgemälde, Darstellungen auf Ringen, Siegeln, auf Gefäßen und nicht zuletzt figürliche Darstellungen das damalige Leben der Minoer. Diese Darstellungen lassen vermuten, dass im Zentrum der minoischen Religion eine weibliche Naturgottheit stand. Zwei der schönsten Fundstücke sind in diesem Zusammenhang die beiden Schlangengöttinnen. Evans entdeckte sie in den sogenannten Heiligen Schatzkammern von Knossos.

Figuren der Schlangengöttinnen (weibliche Naturgottheiten) Ausgestellt im Archäologischen Museum Heraklion – Foto HUB

Die Figuren sind nach den Schlangen benannt, die sich um die Arme und den Körper der Mutter Göttin schlingen und von der Tochter in den Händen gehalten werden. Auf dem Kopf der Tochter ist zudem eine Katze abgebildet. Die Schlangen und die Katze können als Symbole für die Naturverbundenheit der minoischen Religion angesehen werden. Zudem bestätigen sie den aus anderen Funden erkennbaren Schlangenkult. Sowohl die luxuriöse Kleidung der beiden Figuren (langer Volantrock, gestickten Schürzen und eng anliegende Oberteil), als auch die Darstellung der großen freiliegenden Brüste sind ein Zeugnis der Mode in der minoischen Gesellschaft. (5) Zudem sollen damit die Fruchtbarkeit von Frauen, der Göttin und implizit der Natur symbolisiert werden.

Vegetationsmythos

Neben der Verehrung weiblicher Naturgottheiten gab es bei den Minoern offenbar auch kultische Handlungen, die Vegetationsgöttern gewidmet waren. Darauf lassen Votive aus Knossos sowie aus Gipfel- und Höhlenheiligtümern schließen.

Antike Quellen

Entsprechende Vegetationsmythen sind in den antiken Gesellschaften Ägyptens und im damaligen Königreich Ugarit (heute Nordsyrien) belegt. In beiden Regionen tragen die Vegetationsgötter unterschiedliche Namen. Dennoch haben die Mythen analoge Erzählungen. So beschreibt die Legende aus Ugarit, den Wettergott Ba’al und seinen Gegenspieler Mot, den Gott des Schirokko und der Dürre. Mot war aber auch der Gott, der Früchte und Getreide reifen sowie die Natur welken ließ. Daher galt er auch als Gott des Absterbens. Demgegenüber wurde Ba’al als der Gott betrachtet, welcher die Dürre beendete, der Natur Regen und Wolken brachte, die Bäche und Flüsse füllten. Damit wurde ihm eine besondere Bedeutung für Pflanzen, Tiere und Menschen zugesprochen.

Durch Mot wurde Ba’al in die Unterwelt verbannt und hier festgehalten. Anat, die Schwester-Gattin des Ba’al, tötete daraufhin Mot und zerstückelte ihn. Dadurch konnte Ba’al wieder auf die Erde zurückkehren und der Vegetationszyklus begann von Neuem.

Diese Wiedergeburt des Ba’al wurde von den Menschen jährlich zum Beginn der Regenzeit auf den Gipfelheiligtümern mit kultischen Handlungen gefeiert. Sie verbanden dies mit der Hoffnung auf die Wiedergeburt der Natur, auf die Stärkung der Lebenskraft und auf Heilung.

Was ein kleines Bronzevotive erzählt

Eine Erzählung des ägyptischen Vegetationsmythos entdeckte u.a. Arthur Evans auf einer kleinen Votivtafel aus Bronze, die bei Ausgrabungen in der Diktäischen Höhle (siehe unten) gefunden wurde. Sie erzählt die Geschichte des ägyptischen Vegetationsgottes Osiris. Dem sterbenden Osiris fließt das Blut aus dem linken Handgelenk, während er auf einen absterbenden Baum zuwankt. Schließlich verwandelt sich der sterbende Osiris in einen Fisch und schwimmt nach Osten der aufgehenden Sonne zu. Hier befindet sich auch das heilige Doppelhorn mit einer sprießenden Pflanze. Die große Göttin in Gestalt eines Vogels dargestellt, sichert die Wiedergeburt des Osiris. Damit beginnt ein neuer Vegetationszyklus, der mit der sprießenden Pflanze im Doppelhorn und an den aufsteigenden Vögeln symbolisiert wird. (6)

Votivtafel mit Darstellung des Vegetationsgottes Osiris
im Vegetationszyklus (nach Ruttowskis) – Brinna Otto, (6)

Die kleine Bronzetafel wird der mittelminoischen Zeit (etwa 1700 bis 1500 v.u.Z.) zugeordnet. Sie ist heute im Ashmolean Museum in Oxford ausgestellt.

Die Heiligtümer der Minoer

Religiöse Kulte und Zeremonien fanden in der frühen minoischen Zeit in Gipfelheiligtümern oder in heiligen Grotten statt. Hatte die Religiosität am Beginn der frühen Bronzezeit noch privaten Charakter, wechselt dies später in einen Familien- und Sippenglauben. Damit erlangte die minoische Religion um 2200 bis 2100 einen neuen Charakter. (7)

Gipfelheiligtümer

Gipfelheiligtümer sind auf Kreta ab der Vorpalastzeit bis in die Altpalastzeit nachgewiesen. Angelegt waren sie in der Regel auf Anhöhen in der Nähe von Siedlungen. Sie standen vornehmlich mit den betreffenden Orten in Verbindung. Damit waren sie auch für ältere und schwache Menschen fußläufig erreichbar. Anfangs aus einem, durch eine Mauer umfriedeten heiligen Bezirk (einem Temnos), entwickelten sich die Gipfelheiligtümer später zu Tempel- und Terrassenbauten. Eines der bedeutendsten dieser Gipfelheiligtümer ist noch heute auf dem Juchtas in der Nähe von Knossos zu besichtigen.

Auf den Gipfelheiligtümern wurden insbesondere den Wetter- und Vegetationsgöttern gehuldigt. Für die Mystik dieser Orte fand Brinna Otto eine sehr einfühlsame Beschreibung:

Einsam, dem Himmel nahegerückt, den Winden ausgesetzt, still nur von den Lauten der Natur, vom Ruf der Vögel oder der Wildziegen erfüllt, müssen diese nach Thymian und Minze duftenden Hügel den Menschen als Orte erschienen seien, an denen die Götter nahe waren. Hirten – so lässt sich leicht vorstellen -, die über die hochgelegenen Weiden zogen, suchten die heiligen Stätten auf, um das Wohlwollen des Wettergottes zu erwerben, der Leben und Gedeih von Menschen garantiert oder gefährdet.

Brinna Otte (8)

Heilige Grotten

Eine der bekanntesten Höhlen auf Kreta, die als Kultstätte genutzt wurde, ist die Diktäische Höhle (Diktaian Cave). Auf der Hochebene von Lasithi, oberhalb des Ortes Psychro gelegen, ist sie heute ein Mekka für Touristen. Durchgeführte Erkundungen und Ausgrabungen in der Höhle belegen deren Nutzung für kultische Zwecke seit frühminoischen Zeit. Sie erlangte einen besonderen Stellenwert durch die Verbindung mit dem Mythos über den heranwachsenden Zeus (siehe auch Kinderstube des Zeus). Die Archäologische Erschließung der Höhle begann 1886 mit einer ersten Besichtigung durch Federico Halbherr. Ab 1894 wurde die Untersuchung der Höhle durch Arthur Evans und John L. Myres mit systematischen Grabungen fortgesetzt. Im Ergebnis dieser Grabungen wurden eine Vielzahl von archäologischen Funden als Belege für religiöse Handlungen freigelegt. Dies betrifft unter anderem einen Opfertisch und verschiedene für Kulthandlungen benutzte Gegenstände. (9)

Paläste als Orte religiöser Veranstaltungen

Ungefähr mit dem Beginn der Neuen Palastzeit wurden kultische Handlungen offenbar zunehmend in die Paläste verlegt. Große religiöse Zeremonien fanden in den Hallen und im Freien der Paläste, insbesondere in deren Zentral- und Westteil, statt. Zu den Höhepunkten solcher Zeremonien gehörten die Prozessionen. Das waren Aufzüge von Männern und Frauen mit prunkvollen Ritualgefäßen. Eine beeindruckende Darstellung eines solchen Prozessionszuges ist das rekonstruierte Prozessionsfresko aus dem Palast von Knossos.

Weitere Beispiele für die Darstellung von großen Ansammlungen, offensichtlich bei kultischen Handlungen, sind die Miniaturfresken wie das Grandstand-Fresko und das Scared Grove and Dance Fresko jeweils aus dem Palast von Knossos. Sie sind heute im Archäologischen Museum von Heraklion zu sehen.


Vermutlich waren es solche Darstellungen aus dem Leben der Minoer, die den Kunsthistoriker und Archäologen Helmuth Th. Boßert (11.09.1989 – 05.02.1961) zu folgender Bewertung veranlassten:

Unter freiem Himmel, angesichts der nimmermüden Vegetation, auf Bergkuppen, in Höhlen oder am Strande des Meeres, das die Schiffe weithinaus zu fremden Völkern trägt, werden der Gottheit prunkvolle Feste gefeiert. Männer und Frauen sind zahlreich versammelt und gruppieren sich malerisch auf Tribünentreppen, die den Stufenanlagen antiker Theater verwandt sind.
Flöte und Leier begeistern zu Gesang und Tanz. Junge Männer zeigen sich in Wettkämpfen oder verbinden sich mit Mädchen, die in diesem Falle die bequemere Männertracht angelegt haben, um auf Wildstieren ihre halsbrecherischen Künste zu zeigen.

Helmuth Bossert (10)

Spuren bis in die Gegenwart

Die Gipfel- und Höhlenheiligtümer aus der frühen minoischen Zeit haben Spuren bis in die heutige Zeit geschlagen. So findet der Besucher, der die Insel durchstreift, besonders im Landesinneren immer wieder Bergkuppen in der Nähe von Ortschaften auf denen sich kleine Basilika und Friedhöfe befinden. Aber auch die Nutzung von Höhlen für religiöse Handlungen kann der interessierte Kreta-Reisende noch heute auf der Insel finden.

Die Grotte bei Trachilos – Westkreta

Ein solches Beispiel findet man an der Straße von Kissamos nach Falarsana kurz vor der Ortschaft Trachilos. Hier, unmittelbar an der Straße und gegenüber dem dortigen Hafen, findet der Besucher eine Felsengrotte, die augenscheinlich der Durchführung von religiösen Veranstaltungen dient. Schließlich befindet sich gegenüber dieser Grotte eine neu erbaute Basilika, die direkt in eine Felsengrotte hineingearbeitet wurde.

Die Höhle bei Milatos – Ostkreta

Eine weitere Grotte, die heute als Kirche genutzt wird, ist die Höhle von Milatos. Diese befindet sich unweit des Ortes Milatos in der Region von Agios Nikolaos. Ein Teil dieser Höhle wurde 1935 zu einer kleinen Kirche ausgebaut, die dem Apostel Thomas geweiht wurde. Diese Kirche dient der Erinnerung an die Ermordung von mindestens 2.000 Kretern (Frauen, Männer und Kinder) im Jahr 1823 durch die osmanischen Besatzer.

Fortlebende Traditionen bis in die Gegenwart

Der französische Archäologe Paul Faure ist ein profunder Kenner Kretas und der minoischen wie auch der gegenwärtigen Gesellschaft. Er hat selbst mehrfach an Besteigungen von Gipfelheiligtümern gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung teilgenommen. Aus diesem Erleben beschreibt er sehr eindrucksvoll, wie die Traditionen der Minoer in diesen volkstümlichen Pilgerwanderungen bis in die Gegenwart fortwirken. Er erzählt, wie die Pilger, die mitgebrachten Speisen und Getränke teilen und den Tag mit Gesang und Tanz beschließen. Sie schöpfen aus diesen Pilgerwanderungen noch heute Lebensmut und Optimismus. Ebenso verbinden die Menschen damit Hoffnungen auf Heilungen, eine gute Ernte und Wasserreichtum. (11)

Minoischer Frieden – die Pax Minoica

Der Begriff „Minoischer Frieden“ oder „Pax Minoica“ geht auf den Ausgräber von Knossos, Sir Arthur Evans, zurück. Aus der Bewertung des freigelegten Palastes und der zutage geförderten Artefakte kam Evans zu dem Schluss, dass die minoische Herrschaft von einer lang anhaltenden friedlichen Periode gekennzeichnet war. Dabei stützte er sich u.a. auf folgende Ergebnisse seiner Ausgrabungen:

  • So bewertete er u.a. das Fehlen jeglicher Befestigungsanlagen an den Palästen als Anzeichen dafür, das kriegerische Handlungen auf der Insel unwahrscheinlich waren.
  • Des Weiteren vermittelten für ihn die ikonografischen Funde in ihrer Gesamtheit das Bild einer friedlichen und zutiefst harmonischen Gesellschaft. Die freigelegten Fresken in den großen Palästen enthalten keine kriegerischen Darstellungen, sondern fast ausschließlich Bilder aus der Natur und Abbildungen zu religiösen Handlungen.

Streit der Historiker

Natürlich blieb auch die These vom minoischen Frieden in der Folgezeit nicht unwidersprochen und löste unter Archäologen und Altertumswissenschaftler kontroverse Diskussionen aus. Allerdings konnte sich in diesem Streit keine der beiden Parteien überzeugend durchsetzen. Beispielhaft dafür mag die internationale Konferenz im April 1998 an der Universität Lille sein. Die Konferenz hatte den Arbeitstitel „Zu kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ägäis während der späten Bronzezeit“ . Das Ergebnis dieser Konferenz brachte Frau Dr. Olga Krzyszkowska auf den Punkt, indem sie feststellte:

„The stark fact is that for the prehistoric Aegean we have no direct evidence for war and warfare per se. In consequence our knowledge rests wholly on inference, drawn from material remains such as weaponry and fortifications augmented by a limite3d range of texts and the iconographic repertoire.“

Übersetzt: „Tatsache ist, dass wir für die prähistorische Ägäis keine direkten Beweise für Krieg und Kriegsführung an sich haben. Folglich beruht unser Wissen ausschließlich auf Schlussfolgerungen, die aus materiellen Überresten wie Waffen und Befestigungen gezogen werden, ergänzt durch eine begrenzte Auswahl an Texten und dem ikonographischen Repertoire.“

Olga Krzyszkowska – (12)

Für und Wider zur Pax Minoica

Contra

Natürlich sind sich selbst die Befürworter der Pax Minoica darüber im Klaren, dass eine minoische Geschichte nicht die Geschichte von 2.000 Jahren ununterbrochenen Frieden ist. Nicht nur die Mythen, auch die antiken Geschichtsschreiber liefern entsprechende Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen in minoischer Zeit. Beispielhaft seien hier nur genannt:

  • Aus der Mythologie kennen wir den Feldzug von Minos auf die Stadt Athen nach dem sein Sohn Androgeos dort ums Leben gekommen war – siehe hierzu König Minos in der griechischen Mythologie
  • Diodor beschreibt, wie König Minos nach der Flucht des Daidalos einen Feldzug gegen Sizilien und gegen den dort herrschenden König Kokalos startete (13)

Und Pro

Dem stehen aber neben den eingangs genannten Fakten einige weitere Aspekte dagegen. Dazu gehören insbesondere:

  • Die bei den Ausgrabungen gefundenen Schwerter und Dolche waren überwiegend Statussymbole für den Träger. Sie sollten seine Stellung in der Gesellschaft hervorheben. Jedoch waren sie für Kampfhandlungen überwiegend ungeeignet
Schwerter aus den Ausgrabungen am Palast von Malia (1800 1600 v.u.Z) – ausgestellt im Archäologischen Museum Heraklion – Foto HUB
  • Unbestritten ist der Einfluss Kretas insbesondere in der neuen Palastzeit auf die Inselwelt der Kykladen, in Kleinasien und Palästina. Die Wissenschaft ist sich heute überwiegend darüber einig, dass die Minoer Ihre Vormacht im östlichen Mittelmeer wesentlich ihrer starken Handels- und Kriegsflotte verdankten. Aber wir finden bei Diodor einen weiteren Aspekt für diese Vormachtstellung. Darin weist er auf die Rolle des Radamanthys, Bruder des Minos, hin.

„Von Rhadamanthys sagen die Kreter, dass er von allen Menschen die gerechtesten Entscheidungen getroffen und Räuber und gottlose Menschen und alle anderen Übeltäter unerbittlich bestraft hat. Er kam auch, um nicht wenige Inseln und einen großen Teil der Seeküste Asiens zu besitzen. Und alle Menschen lieferten sich wegen seiner Gerechtigkeit aus freien Stücken in seine Hände.“

DIDORUS (14)

Der Mythos vom gerechten Radamanthys wird bei Diodorus zu einem wesentlichen Fakt für den friedlichen Charakter im Zusammenleben der ägäischen Inseln unter minoischer Vorherrschaft. Dies lässt Frau Prof. Dr. Brinna Otte zu dem Schluss kommen, dass man diesen Abschnitt der minoischen Zeit auch als Radamanthyschen Frieden bezeichnen könnte. (15)

Resümee

Wie zu vielen Aspekten im Leben der Minoer sind auch zur Pax Minoica viele Fragen noch ungelöst. Die Grenzen zwischen Mythos und realer Geschichte sind noch immer im Nebel der Jahrtausende verschwommen. Dadurch ist eine klare Abgrenzung nicht möglich. Eventuell bringen neue Funde in absehbarer Zeit Erkenntnisse, die uns den Antworten näher bringen. Ebenso kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass uns die Antworten auf diese Fragen für ewig verschlossen bleiben, als einige von vielen ungelösten Rätseln der Insel und ihrer Geschichte.

Ungeachtet dessen bleibt nach dem Betrachten der ikonografischen Funde, der Fresken und der Darstellungen auf Keramiken, Schmuckstücken und anderen Gegenständen der Kleinkunst, das Bild einer friedlichen und harmonischen Gesellschaft. Wo kriegerische Auseinandersetzungen, sei es im Inneren oder mit Nachbarn, das Leben einer Gesellschaft bestimmen sind für mich solche Gesamtkunstwerke schwer vorstellbar. Das wird besonders deutlich, wenn man sich als Gegenpart dazu bildliche Darstellungen aus dem antiken Sparta anschaut. Somit ist für mich auch die These nicht widerlegt, dass die beeindruckende Entwicklung der minoischen Gesellschaft auch mit ebendieser Pax Minoica zusammenhängt.

Wäre es unserer Zeit nicht zuträglich, wenn das, was uns die erste Hochkultur Europas hinterlassen hat, stärker in Gesellschaft und Politik einfließen würden?

Quellen.

  1. Fresko zu boxenden Jungen – Fundort Akrotiri – ausgestellt im National Archäologischen Museum Athen, Gemeinfrei, https://en.wikipedia.org/wiki/File:Young_boxers_fresco,_Akrotiri,_Greece.jpg
  2. Diamantis Panagiotopoulos, Archäologie und Ritual. Auf der Suche nach der rituellen Handlung in den antiken Kulturen Ägyptens und Griechenlands, Herausgeber Mylonopoulos – H. Roeder (Wien 2006), S. 127 – 129
  3. Jorgos Tzorakis, Knossos – Neuer Führer zum Palast von Knossos, Verlag Esperos Athen 2008, S. 82
  4. Diamantis Panagiotopoulos, ebenda Seite 126
  5. Dr. J.A.Sakellarakis, Heraklion Das Archäologische Museum EKDOTIKE ATEHENON S.A., Athen 1996, Seite 39/40
  6. Brinna Otte, König Minos und sein Volk; Das Leben im alten Kreta, Artemis und Winkler Neuausgabe 2000, S.191 bis 197
  7. Brinna Otte, ebenda, Seite 184
  8. Brinna Otte, ebenda, Seite 186 ff.
  9. Wikipedia – Die Höhle von Psychro https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hle_von_Psychro#cite_ref-4
    abgerufen am 01.07.2021
  10. Helmuth Th. Bossert, Alt Kreta Kunst und Kunstgewerbe im Ägäischen Kulturkreis, Verlag Ernst Wasmutz A.G. Berlin 1921, Seite 12, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bossert1921/0024 – abgerufen 02.07.2021
  11. Paul Faure, Kreta – Das Leben im Reich des Minos, Büchergilde Gutenberg, Lizentausgabe Verlag Phillip Reclam junior., Stuttgart, 1976, S. 209 – 211
  12. Olga Krzyszkowska – Polemos le contexte guerrier en égée à l‘ age du bronze; Actes de la 7. Rencontre égéenne internationale Université de Liége, 14 – 17 avril 1998, – edités par Robert Lffineur; Université Liège 1999
    https://www.academia.edu/18934159/So_wheres_the_loot_The_spoils_of_war_and_the_archaeological_record
    abgerufen am 15.07.2021
  13. DIODORUS SICULUS IV. 59 – 85 (4.79.1) – https://www.theoi.com/Text/DiodorusSiculus4D.html#30 – abgerufen am 30.07.2021
  14. DIODORUS SICULUS V (5.79.1) https://www.theoi.com/Text/DiodorusSiculus5C.html#24 – abgerufen 30.07.2021
  15. Brinna Otto, ebenda, S.345/346

Von HUB

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