Chronologie der Minoer

Wenn wir über die Geschichte der Minoer sprechen, betrachten wir einen Zeitraum von fast 2000 Jahren. Also einen Zeitraum, der sich über die gesamte Zeitspanne der neuen Zeitrechnung erstreckt. Es ist eine Ära, welche praktisch die gesamte Bronzezeit (3300 bis 1100 v.u.Z.) umfasst. Wegen dieses großen Zeitraums wurde die gesellschaftliche und kulturhistorische Entwicklung in verschiedene Zeitabschnitte gegliedert. Dabei geht die erste Chronologie der Minoer auf Sir Arthur Evans, den Ausgräber von Knossos zurück, der die minoische Epoche in drei große Hauptabschnitte gliederte:

die frühminoische Epoche (EM) von 2900 bis 2000 v.u.Z.
die mittelminoische Epoche (MM) von 2000 bis 1600 v.u.Z.
die spätminoische Epoche (LM) von 1600 bis 1200 v.u.Z.

Schließlich wurden die hier aufgeführten Hauptabschnitte von Eveans nochmals in die Unterabschnitte I, II und III untergliedert, die er z.T. dann in weitere Unterabschnitte mit den Bezeichnungen A und B gliederte. Dabei zog er als Grundlage für die Erarbeitung seiner Chronologie Keramikfunde aus den Ausgrabungen und deren Abgleich mit ägyptischen Artefakten heran.

Weiterentwicklungen der Chronologie von Evans

Darauf basierend entwickelten verschiedene Archäologen und Altertumsforscher in der Folgezeit abweichende Chronologien, die z.T. um +/- 150 Jahre voneinander abwichen. Letztlich wurde 1958 durch den griechischen Archäologen Nikolas Platon auf einer prähistorischen Konferenz in Hamburg eine neue Gliederung der Chronologie der Minoer vorgeschlagen. Dabei orientierte er sich an den Bauphasen und den zwischenzeitlichen Zerstörungen der Paläste und definierte drei Hauptabschnitte

  • die Vorpalastzeit
  • die ältere Palastzeit
  • die Neupalastzeit sowie
  • die Nachpalastzeit

Davon ausgehend wollen wir unsere weiteren Betrachtungen auf die folgende Chronologie stützen:

  Hist. Museum (2)Jorgos Tzorakis (1)
Vorpalastzeit – Frühe Bronzezeit Frühminoisch3000 – 1900 v.u.Z.3000 -2100 v.u.Z.
Alte PalastzeitMittelminoisch1900 – 1700 v.u.Z.2100 – 1750 v.u.Z.
Neue Palastzeit – Späte BronzezeitSpätminoisch1700 -1450 v.u.Z.1750 -1490 v.u.Z.
Finale Palastzeit
Auch dritte Palastzeit Mykenische
Spätminoisch1450 – 1300 v.u.Z.1490 – 1370 v.u.Z.
NachpalastzeitSubminoisch1300 – 1100 v.u.Z.1370 – 1100 v.u.Z.
Die Daten in der Spalte Hist. Museum basieren auf den Angaben in der Ausstellung des Archäologischen Museums Heraklion

Auf der Suche nach den Wurzeln

Wie viele Fragen um die Geschichte der Minoer, ist auch die nach ihrer Herkunft bis heute nicht eindeutig geklärt. Das betrifft insbesondere auch die Frage nach den Wurzeln der minoischen Kultur. Wurzelt sie im Neolithikum (7000 bis 3000 v.u.Z.) oder haben eingewanderte Stämme aus Kleinasien die Entwicklung der minoischen Gesellschaft und Kultur angestoßen? Dazu gibt es bis heute keine eindeutige Antwort. Aber unzweifelhaft reichen die Spuren für eine Besiedlung Kretas bis in das frühere Neolithikum zurück. Dazu wurden die ältesten Spuren menschlicher Besiedlungen im Gebiet um Knossos gefunden, welche der Altsteinzeit 7000 bis 4800 v.u.Z. zugeordnet wurden. Allein unter dem Palast von Knossos konnten hierzu zehn aufeinanderfolgende Schichten einer Besiedlung nachgewiesen werden.(3)

Erst im Spätneolithikum, also etwa ab 4300 v.u.Z. wurden auch an anderen Orten der Insel Siedlungen errichtet. Das betrifft auch das Gebiet um den Hügel von Phaistos. Hier, am späteren Standort des dortigen Palastes, wurden Spuren einer menschlichen Besiedelung ab ca. 4000 v.u.Z. entdeckt. (4)

Zum Ende des Neolithikums kam es dann zu einer entscheidenden Entwicklung, der Einführung der Metallverarbeitung und Metallbearbeitung. Dadurch konnten sich nicht nur neue Arbeitsweisen und Gewerke entwickeln, auch der Einfluss auf Kunst und Kultur war beeindruckend. Und schließlich war dies die Basis für einen bedeutenden Entwicklungsschritt in der menschlichen Zivilisation, dem Beginn der Bronzezeit (3).

Die weitere Entwicklung der minoischen Kultur steht jedoch zweifelsfrei in einem engen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im vorderen Orient und in Ägypten.

Die Bronzezeit – die minoische Zeit

Vorpalastzeit -3000 bis 1900 v.u.Z.

Wie soeben dargestellt, markierte die Einführung der Metallverarbeitung das entscheidende Ereignis in der sozioökonomischen Entwicklung im prähistorischen Kreta. Aber gleichzeitig stellt dieser Abschnitt den Beginn der Vorpalastzeit der prepalatialen Epoche in der Geschichte der Minoer dar. Dieser Abschnitt war unter anderem durch folgende wesentliche Merkmale gekennzeichnet:

Erstens: Neue Werkzeuge führten zu einem Anstieg der Primärproduktion. Infolgedessen konnten sich die Siedlungen positiv entwickeln. Neue Siedlungen und Städte wurden gegründet. So entwickelte sich die Siedlung von Knossos mit einer Ausdehnung von 50.000 m2(3). Demgegenüber umfasste die Siedlung von Phaistos eine Fläche von 10.000 m2 (4).

Zweitens: Der maritime Handel mit den Kykladen, Ägypten und Kleinasien entwickelte sich. Neben Importen wertvoller Rohstoffe wie Silber, Gold, Elfenbein u.a. förderte er auch den Austausch von Wissen und bereicherte Kunst und Kultur.

Drittens: In der Messara-Ebene wurden große Kuppelgräber errichtet. Diesen wurden wertvolle Grabbeigaben in Form von Waffen Goldschmuck und Keramiken beigegeben. Daraus lassen sich Hinweise auf die Entwicklung einer wohlhabenden Gesellschaftsschicht bei gleichzeitiger Differenzierung in der Gesellschaft ableiten (4).

Werkzeuge, Griffe für Dolche und andere Gebrauchsgegenstände aus Metall, gefertigt in der Vorpalastzeit und gefunden in Kuppelgräbern in der Messara-Ebene – ausgestellt im Archäologischen Museum in Heraklion (Foto HUB)

Während gegen Ende der Vorpalastzeit die Gesellschaften auf den Kykladen und auf dem griechischen Festland vermutlich durch äußere Invasionen indoeuropäischer Stämme zurückgeworfen wurden, konnte Kreta seine Stellung in dieser Zeit stärken. (4) Damit waren die Voraussetzungen für ein neues Stadium in der Entwicklung der minoischen Gesellschaft gegeben, für die Alte Palastzeit.

Die Alte Palastzeit – 1900 bis 1700 v.u.Z.

Die Kenntnisse über die ersten Paläste sind objektiv eingeschränkt. Ursächlich dafür ist die Tatsache, dass diese Paläste im Laufe der Geschichte der Minoer eingeebnet wurden, um darauf nachfolgende Palastgenerationen zu errichten. Demzufolge lassen sich Erkenntnisse über diese Epoche überwiegend aus Artfakten gewinnen, die in den entsprechenden Grabungsschichten gefunden wurden. Allerdings wird nach heutigen Erkenntnissen davon ausgegangen, dass die ersten Paläste von Vertretern einer sich entwickelnden Oberschicht erbaut wurden. Dazu gehörten neben dem Palast von Knossos auch die Paläste von Phaistos und Malia. Auffällig daran ist, dass diese Paläste nach einem einheitlichen System erbaut wurden. So waren die Paläste um einen Zentralhof angelegt, welcher mit dem Westhof und den ebenfalls im Westteil angelegten Magazinen das Zentrum bildeten (5).

Gemeinsam war allen Palästen, dass sie über ein System gut organisierter und spezialisierter Werkstätten verfügten. Ebenso lagen die drei genannten Paläste in Küstennähe und hatten Anbindungen an Häfen. Des Weiteren wurde diese Epoche der minoischen Gesellschaft durch einige wichtige Entwicklungen besonders gekennzeichnet.

Der Kamares-Stil in der Alten Palastzeit

Ein wichtiges Merkmal der Alten Palastzeit war ein neuer Keramikstil in der Geschichte der Minoer, der Kamares-Stil. Diese neue Stilrichtung basierte u.a. auf einer technischen Weiterentwicklung, der sich schnell drehenden Töpferscheibe. Damit konnten im Gegensatz zur bis dahin genutzten langsam drehenden Töpferscheibe, neue Gestaltungsmöglichkeiten z.B. durch die „Technik des Hochziehens“ beim Modellieren umgesetzt werden. Aber nicht nur neue Formen, sondern auch neue und vielfarbige Dekors kennzeichneten den Kamares-Stil. Derartige Dekors wurden in vielfältigster Form auf einer schwarz grundierten Gefäßoberfläche in weißer und roter Farbe als Schmuckmotive aufgebracht. Solche Schmuckmotive waren ornamentale Muster wie Spiralen, Scheiben, Quasten und Blätter. Dabei wurde für jedes Gefäß ein besonderes Dekor entwickelt, welches mit der Form des Gefäßes korrespondierte. Wegen der harmonischen Abstimmung in Form und Dekor wird der Kamares-Stil auch heute als einer der dekorativsten Keramikstile gewertet. (7)

Keramikgefäße aus der alten Palastzeit – Keramiken im Kamares-Stil sind deutlich erkennbar u.a. an den Spiralmotiven ( Foto HUB)

Seinen Namen verdankt der Kamares-Stil seinem Fundort, einer Höhle am Südhang des Ida-Gebirges oberhalb des kleinen gleichnamigen Ortes. Diese Höhle war der Fundort von Tonscherben, die von einem Bauern gefunden worden waren. Sie waren von mehreren Wissenschaftlern u.a. auch von Arthur Evans untersucht worden. Allerdings hatte keiner von Ihnen die Höhle aufgesucht. Erst 1895/96 unternahm der italienische Archäologe Antonio Taramelli gemeinsam mit Prof. Halbherr, dem Ausgräber von Phaistos, eine Expedition zu dieser Höhle und nahm eine erste Untersuchung der Höhle vor. (8)

Vom Siegelstein zur Linearschrift A

Bevor die Alte Palastzeit zu Ende ging, wurde ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung der minoischen Gesellschaft vollzogen, die Herausbildung der Linearschrift A. Entsprechende Funde der Schrift wurden auf Tontafeln, auf Gefäßen und anderen Keramiken festgestellt. Insgesamt erreichte die Linearschrift A ein breites Anwendungsgebiet. So wurde sie in der Verwaltung, im Handel und bei der Kennzeichnung von Waren eingesetzt. Beginnend in der ausgehenden Alten Palastzeit kam sie bis weit in die Neue Palastzeit hinein zu einer breiten Anwendung und hatte wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Gesellschaft (9). Allerdings konnte sie bis heute nicht entschlüsselt werden. Ursächlich dafür ist eine relativ geringe Menge des aufgefundenen Schriftmaterials.

Entdeckt und erforscht wurde die Linearschrift A durch den Ausgräber von Knossos, dem Vater der Minoer, Sir. Arthur Eveans (näheres hierzu im Beitrag „Der Entdecker der Minoer“).

Das Ende der Alten Palastzeit

Um 1700 v.u.Z. kam es zu einer großen Katastrophe auf Kreta, die nicht nur zur Zerstörung der Paläste, sondern in großem Umfang auch zur Zerstörung der sie umgebenden Siedlungen führte.

Was zur Zerstörung der alten Paläste führte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt und seit Eveans und Meyer ein Streitpunkt unter Wissenschaftlern. So ging der  Althistoriker Eduard Meyer (* 25. Januar 1855 in Hamburg; † 31. August 1930 in Berlin) davon aus, dass die Zerstörung der alten Paläste mit dem Einfall fremder Invasoren aus Ägypten zusammenhing. Demzufolge besteht nach Meyer zwischen der Machtübernahme der Hyksos (nomadisierende Stämme in Ägypten) und deren anschließender Invasion auf Kreta ein sachlicher und zeitlicher Zusammenhang (10).

Im Gegensatz dazu vertritt Evans eine andere Theorie. Zwar ist auch er der Meinung, dass die Zerstörung der  alten Paläste im zeitlichen Zusammenhang mit dem Zerfall des ägyptischen Königreiches steht. Allerdings lehnt er die These vom Einfall der nomadisierenden Stämme als Ursache der Katastrophe ab. Dies begründet er mit zwei Argumenten. Zum einen seien die Hyksos Nomaden aber kein seefahrendes Volk gewesen, was eine Invasion auf Kreta unwahrscheinlich erscheinen ließ. Zum anderen wiesen Funde in der Ausgrabungsschicht, die der Zerstörung der Paläste zuzuordnen ist, darauf hin, dass diese Zerstörung zeitlich vor der Hyksos-Invasion in Ägypten lag (11).

Als wahrscheinlichsten Ursachen für die Zerstörung der alten Paläste gelten heute aber bei vielen Wissenschaftlern Erdbeben (12).

Neue Palastzeit – 1700 bis 1450 v.u.Z.

Kontinuität und Weiterentwicklung in der Geschichte der Minoer

Nach der Zerstörung der alten Paläste begann bald darauf der Wiederaufbau. Dazu wurden die Überreste der alten Paläste eingeebnet und auf deren Fundamente die neuen Paläste errichtet. Neue Paläste entstanden u.a. in Kato Zakros, Kydonia (heute Chania) und in Petras Sitias (12). Zwar wiesen die neuen Paläste nach Evans zum Teil neuartige architektonische Merkmale auf, dennoch vertritt er die These, dass die Neue Palastzeit auch vom Überleben und der Weiterentwicklung älterer Elemente der früheren minoischen Zivilisation gekennzeichnet war. Obwohl nach Evans mit dem Übergang in die Neue Palastzeit weder ein Herrschaftswechsel (Evans spricht von einer dynastischen Veränderung) noch ethnische Zuwanderungen ausgeschlossen werden können, ist nach seiner Einschätzung aber kein Bruch in der minoischen Kultur erkennbar (13).

Im Vergleich zur Alten Palastzeit konnten die Minoer ihre Vormachtstellung auf dem Meer weiter ausbauen. Die Handelsbeziehungen zu den Kykladen, in den vorderen Orient, nach Ägypten, Malta und Sizilien wurden gestärkt. Dadurch konnten wertvolle Rohstoffe, wie Gold, Silber, Elfenbein und Halbedelsteine auf den maritimen Handelswegen importiert werden, die in den gut entwickelten Werkstätten der Paläste zu aufwendigen und luxuriösen Produkten verarbeitet wurden. Dazu waren Handel und Logistik klar strukturiert und gut organisiert, woran auch die Einführung der Linearschrift A ihren Anteil hatte. Im Ergebnis dessen erreichte die Geschichte der Minoer in der Neuen Palastzeit den Zenit der Entwicklung. (1)

Entwicklung von Kultur und Kunst in der Neuen Palastzeit

In der Neuen Palastzeit erreichten auch Kunst und Kultur einen weiteren Aufschwung, was unter anderem auf folgenden Gebieten sichtbar wurde:

Erstens: Beeindruckende Entwicklung der Wandmalerei

Besonders die Wandmalereien wurden zu einem prägenden Ausstattungsmerkmal der neuen Paläste und gehören zu den bedeutendsten Kunstformen in der Geschichte der Minoer (14). Hierzu können einige der beeindruckendsten Werke im Archäologischen Museum Iraklion und im Palast von Knossos bewundert werden. Beispielsweise gehören dazu die Fresken zu den Prozessionszügen, der Lilienprinz oder auch die Darstellungen der Delphine im sogenannten Megaron der Königin.

Zweitens: Die Steinkunst ist auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung

Im Gegensatz zur Alten Palastzeit gelangte die Steinkunst in der Neuen Palastzeit zu einem Höhepunkt Ihrer Entwicklung (15). Beispiele für den hohen Standard der Steinkunst sind im Historischen Museum Heraklion ausgestellt. Dazu gehört ein sogenannter Rhyton in Form eines Stierkopfes, ein Trink- und Spendengefäß, welches bei religiösen Kulthandlungen genutzt wurde. Während über eine Öffnung im Nacken die Spendenflüssigkeit eingefüllt wurde, konnte sie über eine weitere Öffnung unterhalb des Maules ausgegossen werden.

Außerdem ist als weiters Exponat die sogenannte Schnittervase oder auch Harvester-Vase zu nennen. Hierbei handelt es sich um eine aus Steatit gefertigte Vase mit einem filigranen Relief im oberen Teil, in dem ein Prozessionszug von Männern dargestellt wird. Dabei ist die Deutung dieses Zuges umstritten. Während ein Teil der Wissenschaftler den Zug als Kultprozession deuten, gehen andere davon aus, dass der Zug Männer zeigt, die von der Feldarbeit heimkehren. Ungeachtet der unterschiedlichen Interpretation handelt es sich bei dieser Vase aus der Spätzeit der Neuen Palastzeit um das bedeutendste Steingefäß des Archäologischen Museums in Heraklion. (15)

Drittens: Goldschmiedekunst mit höchster Kunstfertigkeit

Die Goldschmiedekunst, die bereits in der Alten Palastzeit eine hohe Kunstfertigkeit demonstrierte, wurde in der Neuen Palastzeit noch weiter vervollkommnet. Folgerichtig entstehen eine Vielzahl sehr filigraner Kunstwerke, von denen sicherlich der Ring des Minos und andere Siegelringe sowie diverse Schmuckgegenstände besonders hervorstechen. Insbesondere der Ring des Minos und die Bienchen von Malia gelten heute als Meisterwerke der minoischen Juwelierkunst.

Viertens: Ausbau der kulturellen Beziehungen mit den Kykladen und Ägypten

Mit dem Ausbau der Handelsbeziehungen war in der Geschichte der Minoer untrennbar ein kultureller Austausch mit den Kykladen-Inseln, mit Ägypten und mit Kleinasien verbunden. Zum Beispiel kann dafür die Kykladen-Siedlung Akrotirie auf Santorini herangezogen werden. Akrotirie war nicht nur ein wichtiger Handelsstützpunkt für das minoische Kreta. Zwischen Akrotirie und Kreta gab es auch einen umfassenden kulturellen Austausch.

Die Siedlung Akrotirie wurde bei dem großen Vulkanausbruch um 1620 v.u.Z. zerstört und unter einer meterdicken Ascheschicht begraben. Im Ergebnis der seit den 1960-iger Jahren begonnenen Ausgrabungen konnten eine Vielzahl von archäologischen Funden gesichert werden, welche diese enge Verbindung der Kultur der Kykladen mit der minoischen Kunst belegen.

Ebenso bedeutsam waren die Beziehungen der Minoer nach Ägypten, haben sie doch wesentlich die Geschichte der Minoer auf kulturellem Gebiet beeinflusst. Sowohl Evans wie auch Helmuth Bossert (deutscher Kunsthistoriker 1889 bis 1961) haben diese gegenseitige Beeinflussung der Kulturen in ihren Werken dokumentiert (16). Demgemäß wurden in Ägypten Wandmalereien im minoischen Stil vorgefunden. Beispielsweise wurden in ägyptischen Gräbern Darstellungen gefunden, die kretische Händler und Emissäre als Träger der Geschenke an den Pharao darstellen (2).

Die Zerstörung der neuen Paläste

Um 1450 v.u.Z. kam es zur weitgehenden Zerstörung der neuen Paläste. Lediglich der Palast von Knossos war von diesen Zerstörungen nicht so sehr betroffen (17). Insgesamt war aber diese Katastrophe nicht nur das Ende der Neuen Palastzeit, sondern sie leitet auch das Ende der Geschichte der Minoer ein. Die Ursachen dafür sind auch heute unter Wissenschaftlern umstritten.

Eine ursprüngliche These war, dass die Zerstörungen auf Kreta durch den großen Vulkanausbruch auf Santorini und den darauffolgenden Tsunami ausgelöst wurden. Diese Theorie wird heute von den meisten Wissenschaftlern bestritten. Zum einen wird der Zeitraum des Vulkanausbruches nach archäometrieschen Untersuchungen auf ca. 1620 v.u.Z.datiert (17). Andererseits weisen z.B. die Überreste der Paläste in Knossos und Malia, die dem betreffenden Zeitraum zugeordnet werden können, deutliche Brandspuren auf. Dies ist mit einer Zerstörung durch einen Tsunami nicht in Einklang zu bringen, sondern weist vielmehr auf eine feindliche Eroberung hin. Ebenso bestätigen Keramikfunde, die zeitlich nach der Katastrophe von Santorini eingeordnet werden, dass diese Katastrophe vor dem Untergang der Minoer gelegen haben muss.

Allerdings wird heute auch nicht mehr ausgeschlossen, dass die Katastrophe von Santorini die nachfolgenden Entwicklungen auf Kreta beeinflusst haben kann. So besteht auch die Möglichkeit, dass durch den Vulkanausbruch und einem nachfolgenden Tsunami die minoische Flotte zumindest in Teilen erheblich dezimiert wurde. In Verbindung mit dem Wegfall des Stützpunktes in Akrotirie (siehe oben) kann dies die maritimen Handelsbeziehungen erheblich beeinträchtigt haben, mit allen daraus resultierenden inneren Folgen für die minoische Gesellschaft. Heute werden auch innere Konflikte in der minoischen Gesellschaft und Auseinandersetzungen zwischen den Städten als mögliche Ursachen des Unterganges angesehen.

Die Mykenische Palastzeit und die Nachpalastzeit – das Ende der Geschichte der Minoer

Es gilt mittlerweile als gesichert, dass nach der Zerstörung der Paläste um 1450 v.u.Z. vom griechischen Festland her mykenische Stämme auf Kreta einfielen und die nachfolgende Entwicklung auf der Insel wesentlich beeinflussten. Beweise hierfür sind u.a. Veränderungen in der Kunst. So sind in den Wandmalereien aus der Nachpalastzeit deutlich Darstellungsformen der mykenischen Kunst zu erkennen.

Auch die Einführung der Linear-B-Schrift kann als Hinweis für den mykenischen Einfluss in der Zeit nach der großen Katastrophe gesehen werden. Wie im Beitrag über Sir Arthur Evans dargestellt, bestand einer seiner ersten wichtigen Funde in Knossos aus einer großen Anzahl von Tontafeln mit der mykenischen Linear-B-Schrift. Dieser Fund aus einer der obersten Grabungsschichten kann also dem 15. Jahrhundert zugeordnet werden.

Mit der Nachpalastzeit endet ultimativ die Geschichte der Minoer. Das minoische Kreta und die minoische Gesellschaft werden mit einer Vielzahl von Mythen verbunden. Ebenso mystisch ist auch heute noch ihr Untergang. Dank Evans wurden die Mythen aus dem Dunkel der Vergangenheit geholt und an der realen Geschichte gemessen. Was Evans begonnen hatte, wird heute von Wissenschaftlern aus vielen Ländern fortgesetzt. Dabei bringen neue Funde auch neue Erkenntnisse zur Geschichte der Minoer. Damit wird sich unser Wissen über das minoische Kreta auch künftig erweitern. Und vielleicht werden wir noch erleben, dass die Linear-A-Schrift entziffert werden kann und weitere Geheimnisse der Minoer entschlüsselt.

Überarbeitet 29.10.2021

Quellen

(1) Jorgos Tzorakis, Knossos – Neuer Führer zum Palast, Verlag Espros, Athen 2008 – Seite 16

(2) Aussagen und Erläuterungen im Archäologischen Museum Heraklion

(3) Jorgos Tzorakis, Knossos ebenda – S. 19 ff

(4) Andonis Vasilakis, Agia Triada – Phaistos – Komos – Matala, Verlag Mystis, Iraklion 2009 – Seite 12

(5) Jorgos Tzorakis, Knossos ebenda – S. 23 ff

(6) Von Anonymus – from Le musée absolu, Phaidon, 10-2012, Gemeinfrei,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36111522 – abgerufen 11.05.2021

(7) Dr. J.A. Sakallerakis, Heraklion Das Archäologische Museum Ektotike Atheon S.A. 1996 – Seite 21 ff

(8) Antonio Taramelli, Cretan Expidition, A VISIT TO THE GROTTO OF CAMARES ON MOUNT IDA, in American Journal of
Archaelogy, Volume V, 1901, Seite 437 ff
http://archive.org/details/americanjourser205archuoft/page/n501/mode/2up?view=theater
abgerufen am 13.05.2021

(9) Grammatik des mykenischen Griechisch – Teil1: Allgemeine Einleitung Seiten 5 ff
http://sprawi.at/de/content/mykenisches_griechisch/
abgerufen am 15.05.2021

(10) Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, Zweiter Band, J.G. Gotta’sche Buchhandlung,
Stuttgart/Berlin 1928 – S. 164
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921bd1/0351/image – abgerufen am 15.05.2021

(11) Sir Arthur Evans, The Palace of Minos at Knossos, Volume I, London 1921 – S. 300 ff.
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921bd1/0334 – abgerufen 19.04.2021

(12) Jorgos Tzorakis, Knossos ebenda – S. 25

(13) Sir Arthur Evans, The Palace of Minos at Knossos, Volume I, London 1921 – S. 315 ff.
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921bd1/0350 – abgerufen 17.05.2021

(14) Dr. J.A. Sakallerakis, Heraklion, ebenda – Seite 114 ff

(15) Dr. J.A. Sakallerakis, Heraklion, ebenda – Seite 34 und Seite 90

(16) Helmuth Bossert – Alt Kreta: Kunst und Kunstgewerbe im ägäischen Kulturkreise — Berlin, 1921

(17) Jorgos Tzorakis, Knossos, ebenda – S. 27/28

(18) Diamantis Panagiotopoulos, ebenda Seite 126

Von HUB

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert