Wer Kreta besucht hat, ohne Knossos gesehen zu haben, ist umsonst gereist. Ungefähr fünf km vom südlichen Stadtrand von Heraklion befindet sich die wohl bedeutendste Ausgrabungsstätte von Kreta, der Palast von Knossos. Dieser ist untrennbar mit den mystischen Erzählungen, vom Minotaurus, vom König Minos, dem Baumeister Dädalus und seinem Sohn Ikarus verbunden. Ebenso steht er als Synonym für die Geschichte der Minoer und als Wahrzeichen für die Entstehung der ersten europäischen Hochkultur.

Der vorliegende Beitrag erhebt nicht den Anspruch, ein umfassender Führer durch die Ausgrabungsstätte zu sein. Vielmehr möchte er einige besondere Impressionen aus Knossos vermitteln. So soll auf einige interessante Teile des Palastes hingewiesen werden, die sich der Besucher beim Rundgang nicht entgehen lassen sollte. Zudem wird auf interessante Aspekte aufmerksam gemacht, die bei den offiziellen Führungen aus Zeitgründen fast immer zu kurz kommen.

Das, was wir heute in Knossos sehen, sind die von Sir Arthur Evans ausgegrabenen Überreste des zweiten Palastes von Knossos. Nachdem durch Erdbeben die ersten Paläste in Knossos, Malia und Phaistos um 1700/1750 v.u.Z. zerstört wurden, erbauten die Minoer auf ihren Fundamenten neue Paläste. Dabei errichteten sie in Knossos einen Palastkomplex, der nicht nur aus architektonischer Sicht und wegen seiner bautechnischen Lösungen bemerkenswert ist. Auch seine Ausstattungen mit prachtvollen Wandbildern übertrafen in der damaligen Zeit die der anderen großen Paläste in Phaistos und Malia. In seiner Herrlichkeit konnte sich der Palast von Knossos in jener Zeit durchaus mit den großen Palästen in Ägypten und dem vorderen Orient messen.

Auch auf anderen Gebieten, wie z.B. der Keramik, des Goldschmiedehandwerks und der Steinschneidekunst wurden Produkte hergestellt, die in der Ägäischen Welt, in den Herrscherhäusern der Levante und in Ägypten äußerst begehrt waren. Und so bewertet Evans die Zeit der neuen Paläste, die neue Palastzeit (ca. 1700 bis 1450 v.u.Z.), als das goldene Zeitalter Kretas.

Der Weg in den Palast

Der Westhof

Ebenso wie vor 3.500 Jahren gelangen auch heute die Besucher des Palastes über den Westhof auf das Gelände der Ausgrabungsstätte. Kennzeichnend für den Westhof sind sogenannte Prozessionsstraßen, die den Hof durchschneiden. Die mit Platten gepflasterten Prozessionsstraßen liegen etwas über dem Niveau des übrigen Areals. Die Westfassade grenzte zu minoischer Zeit das Innere des Palastes zum Westhof ab. Somit bot sich damals dem aus Westen kommenden Besucher eine massive Fassade mit diversen Vor- und Rücksprüngen.

Die Westfassade des Palastes mit dem davorliegenden Westhof und den erhöhten Prozessionswegen Foto HUB

Die meisten Altertumswissenschaftler gehen davon aus, dass der Westhof als Ort für religiöse Veranstaltungen unter Teilnahme der Bewohner der Stadt Knossos gedient hatte. Diese Einordnung wird auch durch Darstellungen in Fresken, wie z.B. im Sacred Grove and Dance Fresco gestützt. Die Darstellungen auf diesem Fresko werden heute auf den Westhof des Palastes verortet. Dabei wird besonders auf die Ähnlichkeiten der dargestellten Prozessionswege im Fresko mit denen auf dem Westhof verwiesen. (1)

Das Fresko – Scared Grove and Dance oder Heiliger Hain und Tanz Fresko wurde bei den Ausgrabungen im oberen Stockwerk des Westflügels des Palastes gefunden. Eine entsprechende Kopie befindet sich heute im Raum mit den Freskenkopien im ehemaligen WestflügelFoto HUB

Am südlichen Ende der Westfassade trifft der Besucher auf die Überreste des Westpropylon – einer Säulenhalle, die als Eingang zum Palast diente. Zur Zeit der Minoer muss dies ein eindrucksvoller Bau mit einer hohen Holzsäule gewesen sein. Nach der freigelegten Basis dieser Säule ergibt sich eine geschätzte Höhe der Säule von 5,50 m. (2).

Blick auf die Westfassade mit dem Westpropylon am rechten Bildrand – Foto HUB

Der Prozessionskorridor mit beeindruckenden minoischen Wandfresken

Genauso, wie zu minoischen Zeiten, kommt der Besucher heute über den sogenannten Prozessionskorridor in den Palast. Der Prozessionskorridor war zu Zeiten der Minoer ein schmaler Gang, der vom Westpropylon abzweigte. Während die Besucher diesen Korridor durchschritten, passierten sie ein riesiges Wandfresko. Dieses dekorierte den gesamten Prozessionskorridor und stellte einen riesigen Prozessionszug mit über 150 Teilnehmern dar. Die darauf abgebildeten Männer und Frauen in vornehmen Gewändern trugen kostbare Geschenke und rituelle Gefäße. Angeführt wurde der Zug durch den Lilienprinzen. Er ist besonders herausragend dargestellt, mit einem Kopfschmuck aus Lilien und Pfauenfedern. Nicht wenige fragen sich daher, ob der Lilienprinz nicht den Priesterkönig im Prozessionszug verkörpert. Eine der vielen offenen Fragen, die uns die Minoer hinterlassen haben.

Rekonstruierte Bilder aus dem Groß-Fresko im Prozessionskorridor – ausgestellt im Palast von Knossos im Bereich des ehemaligen Prozessionskorridors – Foto HUB

In der Mitte der heiligen Prozession stand eine übergroße weibliche Figur, die offenbar eine weibliche Gottheit verkörperte. Diese Darstellung unterstreicht einmal mehr, die zentrale Bedeutung, die weibliche Naturgottheiten in der minoischen Religion hatten. Ein besonders prachtvoll gestalteter Fußboden mit blauen Schieferplatten und rotem Stuck (siehe Bild oben) verstärkten den präsidialen Charakter dieses Teils des Palastes. Welchen Eindruck die Besucher zu minoischen Zeiten beim Durchschreiten des Korridors gehabt haben müssen, hat Prof. Panagiotopoulos für mich eindrucksvoll nachempfunden:

Der Gang zwischen unzähligen stillen Figuren, die mit ihren kostbaren Gaben an einer immerwährenden Zeremonie teilnahmen, muss einen extrem einschüchternden Eindruck auf jeden Betrachter gehabt haben. Dieser Anblick hätte sogar eintretende Kinder einer modernen Schulklasse zum Schweigen gebracht.“

Diamantis Panagiotopoulos – Das minoische Kreta (3)

Der heutige Besucher folgt dem ehemaligen Prozessionskorridor auf einem nachgebauten Weg in Form eines Steges. Dabei kommt er an drei rekonstruierten Fresken aus dem Prozessionszug vorbei, unter denen sich auch das Fresko des Lilienprinzen befindet. Außerdem gelangt er auch an das sogenannte Südhaus, welches sich unterhalb dieses Weges befindet. Schließlich bildete dieses Haus zu minoischer Zeit die südliche Grenze des Palastkomplexes.

Das geheimnisvolle Doppelhorn

Bevor der Besucher den rekonstruierten Weg des Prozessionskorridors verlässt, stößt er auf ein nachgebautes Doppelhorn. Ebenso wie die Doppelaxt war das heilige Doppelhorn zur Zeit des zweiten Palastes ein bedeutendes religiöses Symbol.

Nachbau eines Doppelhorns gegenüber den Südpropyläen – Foto HUB

Die ursprünglich aus Kalkstein gefertigten Doppelhörner galten im minoischen Kreta als Sinnbild unzerstörbarer Lebenskraft. Sie gehörten zur Ausstattung der königlichen Paläste sowie zur Verzierung der Altäre in den Heiligtümern. Zudem stehen sie im engen Zusammenhang mit der Verehrung der Minoer für den Jahres- und Vegetationsgott und seiner jährlichen Wiedergeburt (vgl. dazu Beitrag Aus dem Leben der Minoer Abschnitt „Was ein kleines Bronzevotive erzählt“). Damit wird auch die Verbindung der minoischen Kultur zu denen in Anatolien und der Levante sowie zu babylonischen und ägyptischen Kulturkreisen belegt. Schließlich wurde der Mythos vom Vegetationsgott Baal und seiner jährlichen Wiedergeburt in Ugarit im 14. JH v.u.Z. auf Tontafeln niedergeschrieben. (4)

Das Zentrum des Palastes

Der Zentralhof

Unmittelbar nach dem Doppelhorn zweigt der Prozessionskorridor nach links ab und führt zu den prächtigen Südpropyläen sowie zum Zentralhof, als zentralen Bereich des Palastes. Seine Ausmaße betragen 50 x 25 Meter, eine Größe, die nahezu identisch mit den Abmaßen der Paläste in Phaistos und Malia ist. Bei der architektonischen Gestaltung des Palastes spielte dieser Hof eine zentrale Rolle.

An seinen Längsseiten wird er durch den Ostflügel und den Westflügel des Palastes begrenzt. Beide Flügel enthielten wichtige Räumlichkeiten. Die Benennungen dieser Räumlichkeiten gehen auf den Ausgräber Sir Arthur Evans zurück. Dabei trug Evans einerseits der Auffindungssituation bei den Grabungen Rechnung. Andererseits ließ er sich auch von seinen persönlichen Inspirationen zur Geschichte der Minoer sowie zu möglichen Funktionen der Räume leiten.

Evans definierte für den Westflügel des Palastes zwei wesentliche Funktionen. So waren die Gebäudeteile zu minoischer Zeit die zentralen Schauplätze des Palastkultes. Gleichzeitig waren hier die wichtigste Lagerstätten, in denen Vorräte und kostbare Gegenstände gelagert wurden (5). Dementsprechend benannte er die Räume und Gebäudeteile des Westflügels wie folgt:

  • die zentralen Heiligtümer mit den Schatzkammern
  • das Piano Nobile
  • den Thronsaal
  • die zentralen Lagerräume (Komplex der Westmagazine)

Der Ostflügel, auf der dem Westflügel gegenüberliegenden Front, umfasst u.a.

  • die von Evans als Wohnräume des Königs und der Königin identifizierten Räumlichkeiten
  • das große Treppenhaus sowie
  • Werkstätten und weitere Lagerräume

Die Südpropyläen

Hierbei handelte es sich um zwei Säulenhallen, die als kontrollierter Eingang in die offiziellen Räume des Palastes diente. Die Südpropyläen wurden von Evans mit anderen Teilen der Westfassade rekonstruiert. Obwohl diese und andere Rekonstruktionen unter Wissenschaftlern heute z.T. kritisiert werden, so bilden sie doch heute einen der eindrucksvollsten Teile der Ausgrabung.

Blick auf die Südpropyläen (linker Teil des Bildes) vom Zentralhof aus gesehen – Foto HUB

Die Propyläen bestanden aus Hallen mit Säulenpaaren und einem Pfeilerpaar. Davon sind je eine rekonstruierte Säule und ein rekonstruierter Pfeiler auf dem linken Teil des Bildes oben erkennbar. Während die Säulen eine ausschließlich tragende Funktion für die Deckenkonstruktion hatten, markierten zwei Pfeiler den Eingang zum Obergeschoss mit den offiziellen Räumen des Palastes, dem sogenannten Piano Nobile. Dazu schließt sich eine entsprechende Treppe unmittelbar an die Pfeiler an. Diese Treppe ist in der Mitte des Bildes zu sehen. In dem Bereich zwischen Treppe und dem Zentralhof (Bildmitte) befindet sich der Ort, an welchem Evans bereits in der zweiten Grabungswoche die Tontafeln mit der Linear-Schrift-B fand (siehe dazu Beitrag Der Entdecker der Minoer – Abschnitt „Erste Entdeckungen – eine Weltsensation“).

Das Piano Nobile

Über die bereits genannte Treppe gelangen wir von den Südpropyläen in das Obergeschoss des Westflügels. Dieser Teil wurde von Evans komplett restauriert. Damit wurden zum einen die darunterliegenden Räume geschützt und abgedeckt. Ebenso wollte er auch das Gesamtbild des Obergeschosses wiederherstellen. Dabei stützte er sich vordergründig auf die erkennbare architektonische Gestaltung des Obergeschosses (Säulen- und Pfeilerfundamente), als auch auf die herabgestürzten Freskenbruchstücke, die im Untergeschoss gefunden wurden. Diese Bruchstücke von Fresken aus dem Obergeschoss hatten Kulthandlungen und Darstellungen von Heiligtümern zum Inhalt.

Dementsprechend erkannte Evans die Struktur des Obergeschosses in einem Korridor, von dem man rechts und links in entsprechende Räume abzweigen konnte. Evans benannte die Räume als dreisäuliges Heiligtum, als große Halle sowie als Kulthalle.

Dreisäuliges Heiligtum im Obergeschoss des Westflügels, mit erkennbaren Fundamenten für Säulen und Pfeiler. Im Hintergrund vor der Trennwand zur großen Halle erkennbar, ein Teil des genannten Korridors. Foto HUB

Ein besonders sehenswerter Teil in diesem Bereich ist der Raum mit den Freskenkopien, der sich am nordöstlichen Ende des Korridors befindet. Dieser Saal wurde von Evans komplett restauriert und enthält eine Vielzahl von rekonstruierten Fresken, die im gesamten Palast platziert waren.

Der Komplex des Thronsaals

Für mich persönlich ist der Komplex des sogenannten Thronsaals am nördlichen Ende des Westflügels einer der schönsten Bereiche des Palastes. Bereits in der dritten Ausgrabungswoche im Jahr 1900 stießen die Arbeiter bei ihren Grabungen auf diesen Komplex. Ausgehend von der Auffindungssituation und den gefundenen Artefakten datierte Evans dessen Entstehungszeit auf die letzte Palastphase, also in das ausgehende 15. Jahrhundert. Somit ist dieser Komplex dem Zeitabschnitt zuzuordnen, den Evans als das goldene Zeitalter der Minoer benannte.

Der Besucher betritt den Thronsaal zunächst über einen Vorraum vom Zentralhof aus. Dabei beeindruckt vor allem ein Teil des originalen Fußbodens, wie er vor 3.000 Jahren verlegt wurde. Zudem fällt hier auch ein Thron aus Holz ins Auge, eine Nachbildung des eigentlichen Thrones im Hauptraum.

Blick in den sogenannten Thronsaal mit dem Alabasterthron und den Fresken – Foto HUB

Schon beim Eintritt in den Hauptraum wird der Besucher von zwei prächtigen Wandbilder mit Greifen beeindruckt. An der Längsseite des Raumes rahmen zwei Greifen einen Thron aus weißem Alabaster ein. Evans war überzeugt, dass es sich hierbei um den Thron des Herrschers von Knossos handelte. Unterhalb der Fresken sehen wir Sitzbänke.

Auf der dem Thron gegenüberliegenden Seite des Raumes befindet sich ein abgesenkter Bereich, welcher über einige Stufen aus Alabaster erreicht wird. Die gesamte Anlage dieses abgesenkten Bereiches identifizierte Evans als Kultbecken (Lustral-Bassin) für religiöse Handlungen. Aufgrund der Auffindungssituation schlussfolgerte er, dass der gesamte Komplex für Kulthandlungen, wie Salbungszeremonien etc. eingerichtet wurde. (6) Diese Handlungen verfolgte der Priesterkönig von seinem Thron aus, während andere Persönlichkeiten offensichtlich auf den an den Wänden verlaufenden Bänken Platz genommen hatten.

Wird fortgeschrieben

Quellen

1, Diamantis Panagiotopoulos, Das minoische Kreta – Abriss einer bronzezeitlichen Inselkultur, Verlag W. Kohlhammer 2021 – Seite 117

2. Jorgos Tzorakis Knossos – Führer zum neuen Palast, Verlag Espros, Athen 2008 – Seite 44

3. Diamantis Panagiotopoulos, Das minoische Kreta – ebenda, Seite 114

4. Brinna Otte, König Minos und sein Volk, Verlag Artemis und Winkler 2000, S. 191 und 371

5. Arthur Evans, The Palace of Minos at Knossos – Volume 1, Macmillan and Co. Limited, London 1921, S. 498; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921bd1/0488/image,text_ocr#col_text_ocr
abgerufen 17.10.2022

6. Arthur Evans, The Palace of Minos at Knossos – Volume 4-2, Macmillan and Co. Limited, London 1921, S. 942; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1935a/0596/image,info
abgerufen am 04.11.2022



Von HUB

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